Bericht der Fachzeitschrift „ YACHT “ aus Heft 01/2007

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Der Dauersegler über die schönsten Reviere, seine größten Abenteuer und 

die unstillbare Sucht nach Ferne


Herr Clemens, können Sie, nach  20 Jahren auf Reisen, die Länder noch zählen,                        die sie besucht haben?

Das habe ich noch nicht gemacht. Es waren aber in der Tat einige. Wenn ich grob überschlage: Alleine in Afrika komme ich auf 30.

Welches Revier gefällt ihnen am Besten?

Für mich sind die Karolinen-Inseln im Pazifik das schönste Seegebiet überhaupt. Dort in Mikronesien reihen sich viele Atolle aneinander, man muss also keine sehr langen Schläge segeln. Außerdem gibt es da keine Zyklone. Und weil nicht so viele Segler hinkommen, sind die Inselbewohner sehr ursprünglich. Ifalik ist ein echter Traum. Nicht ein Utensil, nicht ein Werkzeug erinnert an unsere Zivilisation. Die Menschen leben dort wie vor tausend Jahren. Die Frauen laufen noch mit Baströcken bekleidet herum. Auch Madagaskar hat mir extrem gut gefallen. Die Leute sind unglaublich freundlich.

Alle Segler, die in Madagaskar waren, schwärmen davon – warum fahren nur sehr wenige dorthin, obwohl es so schön ist?

Die meisten Weltumsegler verlassen die eingetretenen Pfade nicht. Einige lassen sich noch an der nördlichen Spitze des Landes sehen. Auch weiter im Süden an der Westküste trifft man selten Yachten. Ich bin mit dem Rucksack durchs ganze Land gereist und habe mir alles angesehen, was es zu erkunden gab. Die Insel ist wirklich fantastisch.

Von einer Weltumsegelung auf der Barfuß-Route halten Sie offenbar wenig.

Unabhängig vom Kurs: Ich halte wenig von einer Weltumsegelung ohne ausreichend Zeit. Was bringt das schon, wenn man die Welt umsegelt und nach zwei Jahren fertig ist? Da sieht man doch nichts. Ich bin auf der  - wie ich sie nenne – Schokoladen-Route losgefahren, allerdings mit sehr viel Zeit. Ich habe sie nach vier Jahren verlassen und mich lange im asiatischen Raum, also Mikronesien, Philippinen und Borneo, herumgetrieben. Da sieht man keine Yachtsegler.

Warum nicht?

Dahin traut sich keiner. Wegen der vielen Piraten. Es ist die Pest.

Haben Sie mal einen Zwischenfall mit Piraten erlebt?

Ja, im Sulu-Archipel. In der Nähe der Insel, wo im Jahr 2000 die Familie Wallert entführt und vier Monate lang festgehalten wurde.

Warum sind Sie dorthin gesegelt? Ihnen war doch klar gewesen, dass es gefährlich werden konnte.

Ich bin immer auf der Suche nach Abenteuern. Und wenn die Leute sagen, dass es irgendwo gefährlich ist, dann muss ich erst mal dorthin, um das zu überprüfen.

Wie ist der Piratenüberfall abgelaufen?

Ich schlief in der Achterkabine, als mein Bewegungsalarm an Deck losging. Ich schaute dann über den achteren Niedergang heraus und sah, wie zwei Piraten it Gewehren im Anschlag in den Salon zielten. Ich habe meine Waffe genommen und geschossen – ohne Vorwarnung. Der eine fiel sofort tot über Bord. Der zweite brach stöhnend zusammen. Als ich nach ihm sehen wollte, zog er ein Messer und schnitt mir den linken Unterarm auf 40 cm Länge auf. Da habe ich ihm mit dem Gewehrkolben eines übergegeben und ihn auch über Bord geworfen.

Sie haben beide getötet?

Was sollte ich machen? Diese Piraten fragen nicht lange, sie kennen kein Pardon. Im Zusammenhang mit der Entführung der Wallerts sah ich einen, der stolz damit prahlte, schon 48 Menschen umgebracht zu haben. Nein, in dieser Situation hieß es nur: die oder ich.

Haben Ihnen  dieser und ähnliche Zwischenfälle die Lust auf ungewöhnliche Törnziele genomen?

Nein. Ich werde wieder in Indonesien segeln. Aber um den Sulu-Archipel werde ich wohl doch einen Bogen machen. Diese Piraten töten ihre eigenen Fischer wegen einer Hand voll Fische.

Gibt es noch Orte, wo ein Segler absolute Einsamkeit findet?

Es gibt zumindest welche, wo noch nicht so viele sind. Zum einen dort, wo mit Piraterie zu rechnen ist. Zum anderen immer auf den Archipelen, die abseits der Route liegen. Und soviel steht fest: wo die Yachties nicht sind, da sind die Einwohner viel natürlicher. Man ist dort willkommener. Und zwar als Besucher, als Mensch, nicht als reicher Yachtbesitzer, dem man die Moneten abknöpfen kann.

Was raten Sie Seglern, die davon träumen, auf große Fahrt zu gehen?

Als Erstes würde ich raten, das Schiff nicht selbst zu bauen. Was ich damals gemacht habe, war verlorene Zeit und verschlang zu viel Geld. Es gibt rund um die Welt viele Notverkäufe von Yachten, deren Eigner ihre Reise abbrechen. Da kann man Schnäppchen machen.

Welche Tipps können Sie noch geben?

Ich rate dringend, sich so viel Zeit zu nehmen, dass man die Welt auc wirklich kennen lernt. Die meisten deutschen Weltumsegler sehen doch fast nur Wasser. Die Schweizer, Kanadier und Neuseeländer sind da wesentlich agiler. Sie fahren mehr mit dem Rucksack auf Inlandswanderungen.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht ist es deshalb so, weil die meisten Deutschen erst im Rentenalter losfahren. Oder weil sie sehr auf Sicherheit erpicht sind und ihr Schiff ungern längere Zeit allein lassen.

Gibt es auch einen Ort, um den selbst Sie einen großen Bogen segeln?

Die Karibik. Für mich ist sie das Schlimmste, was es überhaupt gibt. Um alles in der Welt möchte ich  da nicht mehr hin. Ich war schon im Jahr 1977 dort. Damals war es noch schön, und die Menschen hießen einen willkommen. Zehn Jahre später habe ich es fast nicht mehr wiedererkannt. Überall wurde gestohlen und abgezockt. Aber diese Phänomen lässt sich überall beobachten, wo Weltumsegler monatelang auf ein und derselben Stelle hocken.

Wo machen Sie gerade Station?

Im Moment segle ich mit der „Bavaria“ an der afrikanischen Ostküste, meist vor Kenia. Dort habe ich auch ein Haus gebaut. Darin wohnt meine Freundin, die ich vor acht Jahren auf einer Wandertour im Inland kennen gelernt habe, und mein ein Jahr alter Sohn.

 Trotzdem wollen sie wieder auf See?

Ich bin noch nicht bereit, um dauerhaft an einem Ort zu sitzen. Irgendwann möchte ich auf jeden Fall fern der Heimat zur Ruhe kommen.

Warum wollen sie Ihren Lebensabend nicht in Deutschland verbringen?

Das ist mir alles zu hektisch hier. Außerdem hat niemand mehr Zeit für den anderen. Deshalb möchte ich irgendwann fern von der europäischen Zivilisation meine Ruhe haben. Vielleicht in Madagaskar oder in Thailand. Mit meinem Ersparten, dem Erlös für das Schiff und meiner bescheidenen Rente sollte es sich dort leben lassen,. Ich meine, auf einem ruhigen Bauernhof würde ich es wohl auch in Deutschland aushalten. Aber ier ist das Leben einfach zu teuer.

 Auch ich musste einsehen:

„Manchmal muss man mit der Zeit gehen“

 Was bedeutet Geld für Sie?

Es ist einfach nötig. Ohne Geld geht nichts. Es sind Hirngespinste, wenn man meint, man köne ohne aus. Ich brauche alleine schon für meine Expeditionen Geld. Für Film- und Fotomaterial, für die Technik an sich. Für mich selbst benötige ich wenig. Das ist das Positivste meiner ganzen Reiserei: Ich bin total bescheiden geworden. Ein dickes Auto zum Beispiel - bedeutet mir nichts.

 Nach all den Jahren Einhandsegeln nehmen Sie nin auch Chartergäste mit...

...und ich muss mich total umstellen. Das ist teilweise schon sehr stressig. Die Leute wollen ja was geboten bekommen. Fischen, Barbecue, Gitarre spielen, Surfen, Tauchen – da ist immer was los. Und ich will meinen Gästen ja auch etwas Besonderes bieten. Aber logisch: Was für die Urlauber Spaß ist, ist für mich Arbeit. Angenehme Arbeit.  

Über Kenia als Segelrevier ist wenig bekannt. Was zeichnet es aus?

Kenia ist ein tolles Revier. Es gibt keine Hurrikans oder sonstigen schwierigen Naturphänomene. Dafür aber tolle Tauchgebiete und immer angenehme Winde um Segeln. Allenfalls die Strömung stört ein wenig. Es ist von den großen Charterunternehmen noch nicht entdeckt worden. Ich kenne noch einen anderen Deutschen, der bei Sansibar segelt und immer mal wieder Gäste mitnimmt. Aber eine richtige Firma mit vielen Schiffen gibt es dort unten nicht. Das ist eine exklusive Sache.

Wie sicher können sich Gäste fühlen, die mit einem Skipper unterwegs sind, der das Abenteuer ausdrücklich sucht?

Wenn ich Gäste habe, bin ich ein anderer Mensch. Ich gehe dann kein Risiko ein. Ich segele zum Beispiel nachts nie unter Spinnaker, wenn ich Urlauber an Bord habe. Wohingegen ich die 200 Quadratmeter sehr wohl setze, wenn ich ganz alleine durch die Nacht fahre.

Könnten Sie sich vorstellen, die „Bavaria“ mit der Sie soviel erlebt haben, irgendwann zu verkaufen?

Absolut. Ich hänge nicht an dem Schiff. Es ist in all den Jahren letztendlich doch nur Mittel zum Zweck für mich gewesen, um die entlegensten Orte der Welt kennen zu lernen.

Auf dem Rumpf Ihres Schiffs war früher die bayerische Flagge und der Schriftzug „King of Bavaria“ auflackiert. Warum haben Sie das ursprüngliche Design verändert?

Mit dem alten Design habe ich so viele unangenehme Sachen erlebt, dass ich mich dazu durchgerungen habe, es zu ändern. Heute ist die „Bavaria“ ganz weiß.

Ein solches Negativerlebnis hat Ihnen sogar eine Schlagzeile in der „Bild“ eingebracht.

Das war in der Woche, als der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß gestorben ist (3.10.1988; Anm.d.Red.) Da lag ich im Hafen von Andratx auf Mallorca und hatte meine Flagge auf Halbmast gesetzt. Die betrunkene Crew einer benachbarten Yacht aus Kiel hat sie mir dann gestohlen. Außerdem haben sie mein Schiff mit Eiern beworfen. In der „Bild-Zeitung“ stand: „Die Schlacht von Mallorca“. Immerhin: Prinz Michael von Preußen kam kurz darauf mit einer Flasche Champagner vorbei und entschuldigte sich für das Verhalten der norddeutschen Segler.

Sie haben einmal den Ausspruch getan: „Fürchte See und Wind und Deutsche die im Ausland sind.“ Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Nun, ich während meiner Reisen oft ausgeraubt worden. Allein dreimal waren es Landsleute, die mich über den Tisch gezogen haben. An der kenianischen Küste habe ich mein Schiff einmal in die Obhut eines Deutschen gegeben. Während ich weg war, wurde dann dort eingebrochen und geraubt, und er hat überhaupt nichts dagegen unternommen. Und in Kapstadt habe ich bei einem vermeintlichen Freund meine Kameraausrüstung  im Wert von umgerechnet gut 2000 Euro im Wagen liegen gelassen, während ich auf den Tafelberg geklettert bin. Als ich zurückkam, war der Kerl mit dem Auto verschwunden. Ihn und meine Fotosachen habe ich nie wieder gesehen

Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass Sie einen Computer nur ausschalten können – und zwar mit dem Hammer. Heutzutage aber haben Sie einen Laptop an Bord. Woher kommt der Sinneswandel?

Auch ich musste einsehen, dass man bei gewissen Dingen mit der Zeit gehen muss. Der Computer erleichtert mir meine Arbeit. Sowohl wenn es darum geht, Charterkunden zu akquirieren, als auch dann, wenn ich Berichte oder Fotos verschicken möchte. Auch ein Handy habe ich nie gewollt, aber es ist mittlerweile unentbehrlich für mich.

Sie holen nie Wetterberichte ein, sondern segeln meist einfach drauflos. Das ist schlechte Seemannschaft! Was halten Sie von diesem Begriff?

Nicht sonderlich viel. Oder, ich will es anders sagen: Wenn ich sehe, wie manche Schiffe ausgerüstet sind, dann ist dies für mich schon schlechte Seemannschaft, was sich auch mit Einholen von Wettervorhersagen oder bestimmten Verhaltensweisen an Bord nicht mehr wettmachen lässt. Eine Yacht muss perfekt vorbereitet sein, dann kann ich mit ihr auch durch schweres Wetter segeln oder im Fall von Schäden, Feuer oder Ähnliches vernünftig und schnell eingreifen. Noch ein Beispiel: Viele Schäden passieren bei Sturm in Ankerbuchten, aber wenn ich sehe, dass viele Yachten einen Zweitanker haben, der gerade mal für ein Dingi geeignet ist, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Ich habe vier Anker an Bord. Einer davon ist ein 35-Kilo-Bruce mit 60 Meter Kette. Genau mit solchen Dingen fängt Seemannschaft an.

 Sie haben sich früher geschworen, keinem anderen Segler von den schönen Flecken dieser Welt zu erzählen. Heute kutschieren Sie Chartergäste zu exklusiven Orten. Wie passt das zusammen?

Die Orte die ich mit den Chartergästen anlaufe, sind eh bekannt. Zu den wirklichen Traumplätzen, wie den Karolinen-Inseln, nehme ich niemanden mit.

 Wohin dann?

Im nächsten Jahr werde ich verschiedene Reviere im Indischen Ozean besegeln. Von Kenia über Madagaskar, Seychellen, Malediven, Chagos bis hin nach Thailand. 2008 möchte ich dann mit dem Rucksack durch Asien reisen. Mal sehen, wie lange dieser Trip dauert. Anschließend segele ich wieder durch die Karolinen und weiter nach Norden Richtung Alaska. Dann über Kanada über Hawaii die ganze Strecke wieder zurück. Im Weiteren möchte ich nach Südamerika und rund Kap Hoorn. Wenn es dann nach Europa geht, wird sich meine Route erst kurz vor Schluss – nach weit über 100 000 Seemeilen – wieder mit jener kreuzen, auf der ich vor 20 Jahren losgefahren bin. So viel ich weiß, wird meine Weltumsegelung die mit der längsten Strecke sein, die je ein Segler im Kielwasser gehabt hat.

Wie lange soll der Trip dauern?

Mindestens fünf Jahre. In Alaska werde ich das Boot über Winter lassen und kurzzeitig nach Deutschland reisen, um einige Vorträge  über die neuen Erlebnisse zu halten.

 Was reizt einen, der soviel von der Welt gesehen hat, an Alaska?

Das war immer mein großer Traum. Dort wollte ich schon hin, als ich zum ersten Mal in Tonga war. Aber meiner damaligen Freundin behagte das nicht. Zusammen mit Bekannten hat sie mich dann überredet, nach Neuseeland zu segeln. Aber Alaska ist mir nie aus dem Kopf gegangen. Ich hoffe, dieses Mal gelingt es mir, dorthin zu kommen.

Sie haben sich selbst einmal als „abenteuerlichen Chaoten“ bezeichnet. Sehen sie sich , mit 64 Jahren, immer noch so?

Ja, unbedingt. Und das bleibt auc so. Wenn man eine Tour macht, wie ich sie nun wieder plane, muss man schon leicht verrückt sein. So schön, wie ich es in Kenia oder in Madagaskar auch finde: Ich muss weiterreisen. Mein Leben wäre unvollendet, wenn ich die Weltumsegelung nicht zu Ende bringen und den Trip nach Alaska nicht machen würde.

Interview: Mathias Müller


Wolfgang Clemens

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