Herzlich Willkommen auf der Website des Weltumseglers und Abenteuerers Wolfgang Clemens!
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Vortrag 08: Mythos "Tibet & Bhutan"

Zum höchsten Kloster der Welt am Mt. Everest, die Kora um den Kailash, Monasarova-Lake, Tempel Potala

Als ich in den Flieger stieg, regnete es mal wieder. Ich hatte mich auf dieses Spiel bereits eingestellt. Mal Regen und dann wieder ein strahlend blauer Himmel im Sonnenschein. Der Flug nach Paro war o.k. Beim Landeanflug, richtete der Pilot die Maschine auf den rechten Flügel und zog ganz nah an einem Felsgrad vorbei. In einer Steilkurve zog er in die Gegenrichtung und richtete die Maschine wieder auf. Da sah ich vor uns die Landebahn. Weich und locker setzte der Jet auf der nassen Piste auf. Eine Kunst diese riesigen Vögel durch diese Bergspitzen hindurch zu peilen. Mein nächster Guide erzählte mir, dass Flugzeuge hier nur bei gutem Wetter landen würden. Na ja dachte ich mir, der Pilot war wohl gut drauf und hatte wohl den Wetterbericht nicht abgehört. 

 

Als ich den Flieger verlies, staunten meine Augen nicht schlecht. So einen schmucken Flugplatz hatte ich noch nie gesehen. Flug- und Abfertigungshallen waren wie ein bunt bemaltes Spielzeug, bestimmt einzigartig auf der ganzen Welt.  

 

Bei der Immigration stellten sich dann meine (letzten) Haare auf, sie fanden mein Visum nicht und stellten trotz der vielen Reiseunterlagen über Bhutan mein gesamtes Gepäck auf den Kopf. Von einem klärendem Telefongespräch, hielten sie nichts.

 

Nach langem hin und her waren die Formalitäten erledigt und meine Einreise geklärt. Obwohl ich als Alleinereisender angekündigt war, stand ich auf der Liste einer Gruppe Japaner. Das war des Rätsels Lösung. Weit und breit war in der Flughalle kein Fluggast mehr zu sehen, doch mein neuer Guide stand wie angewurzelt vor der Halle und wartete auf mich.  

 

Nach einer kurzen Verständigung ging es dann mit dem Auto nach Thimphu, der Hauptstadt von Bhutan. Meine Augen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hatte ich doch ein ähnlich armes Land wie Nepal erwartet, fand ich das absolute Gegenteil vor! Wenn jetzt noch gebratene Gänse an den Bäumen hingen, wäre ich im Schlaraffenland gelandet.

 

Menschen in herrlicher Tracht, die Männer in farbenprächtigen (Kilt) Röcken, eine wunderschöne Landschaft, intakten Strassen und dazwischen ein nie zuvor gesehener Baustiel.

 

Als man mir dann davon erzählte, das der King dieses Landes in einem bescheidenen Häuschen lebte, war mir alles klar. Endlich durfte ich einen Herrscher erfahren,  der nicht korrupt war und seinen Reichtum mit dem Volk teilte. Das stimmte mich zufrieden und beeindruckte mich! In Thimphu angekommen, wurde ich in einem 5-Sterne-Hotel einquartiert. Beim Dinner haute es mir den Vogel raus. Speisen wurden da aufgefahren, die locker für 5 Personen gereicht hätten. Durch den Prunk und die Präsentation ist Bhutan meiner Meinung nach nicht unbedingt ein Land für Backpacker und Trakker.

 

Die Regierung hält nicht viel von Billigtouristen. Sie wollen eher zahlungskräftige Kunden haben, die einen dicken Geldbeutel besitzen.

 

Am nächsten Morgen um 6 Uhr verlies ich das Hotel und lies die erwachende Stadt auf mich einwirken. Menschen, in ihrem traditionellen Kostümen gingen zu ihrer Arbeit. Ein besonders buntes Bild zeigten die unterschiedlichen Schulklassen und Studenten. Ihrer Klasse entsprechend trugen sie alle eine Einheitskleidung. Da wurde gelacht und gescherzt und das so früh am Morgen. Welch heile Welt dachte ich bei mir, sie alle waren so glücklich und zufrieden. Wie arm wir doch dagegen sind. Den sprichwörtlichen buddhistischen Frieden, spürte man nicht nur in den unzähligen Tempeln, sondern in der gesamten Gesinnung. Nach dem Frühstück, welches wiederum ausgesprochen üppig aus fiel, kam mein Guide und holte mich mit dem Wagen ab. Verwundert musste ich feststellen, wie hier Einer auf den Anderen Rücksicht nahm. Da stoppte mein Fahrer plötzlich und half einer alten Frau über die Strasse. Auf dem Weg zum Dochula-Pass, mühte sich ein Mann mit Brettern ab, die er auf sein Fahrrad geladen hatte. Sofort stoppte Dorji und half dem Mann. Diese uneigennützige Hilfsbereitschaft der Menschen, beeindruckte mich und steckte an. Ich betrachtete meine Mitmenschen genauer und ich half wo es möglich war.

 

Als wir den Pass auf 3100 Meter erreichten, eröffnete sich mir ein fantastisches Bild. Von einer großen Stupa spannten sich unzählige, bunte Gebetsfahnen wie ein gigantisches Spinnennetz zu den naheliegenden Bäumen aus. Unterwegs mussten wir immer wieder anhalten um Fotos und Videos zu machen, denn die Kultur und der Baustiel waren einmalig. An manchen Häusern, sah man aus dem Fenster einen Penis ragen, oder man malte ihn an die Hauswand. Dem Volk sollte kund getan werden, dass sich im Haus Nachwuchs eingestellt hatte, oder einstellte. Dies zeigte mir, wie innig die Bhutanesen miteinander lebten. Jeder sollte am Glück des Anderen teilhaben.

 

Wir besuchten anschließend überragende Tempelanlagen, Klöster und Stupas, mit endloslangen Gebetstrommelanlagen. Überall auf Pässen und an windigen Stellen traf man auf die typischen Gebetsfahnen.

 

In Bhutan wurden viele ehemalige Schlösser- die zur damaligen Verteidigung dienten, zu Klöstern umfunktioniert. Das Größte von allen ist Tashichhodzong, das imposante Regierungsgebäude in Thimphu. Vor vielen Gebäuden wurde gesungen und getanzt, denn der kommende Nationalfeiertag ließ ganz Bhutan in einen Freudenrausch versinken.

 

Am nächsten Tag war dann alles auf den Beinen, was Füße hatte. Das ganze Land war  in Hochstimmung.

 

Früh morgens um 7 Uhr saßen wir schon im Auto und fuhren ins 30 km entfernte Ponakha Dzong. Auf den Straßen wurden fantastische Tänze (Cham-Tanz) aufgeführt, die mich absolut beeindruckten. Da Bhutan das Land der Drachen ist, war ein Drachenkopf die beliebteste Masken auf den Köpfen der Tänzer. Ca. die Hälfte der Bhutanesen sind buddhistische Mönche, deshalb waren viele der Interpreten auch Mönche. Danach folgte ein alter Traditionstanz der Army. Zur Mittagszeit ging es dann zurück nach Thimphu. Auch hier war das Trashigang Festival in vollem Gange. Es kam mir vor wie Köln im Karneval. Die meisten Tänze  (Tsecho) wurden dem Guru Tingpoche und Minarepa gewidmet. Todmüde aber hungrig wie ein Bär machte ich mich am Abend über mein reichhaltiges Dinner her.

 

Am nächsten Morgen fuhren wir wieder nach Paro, wo wir das imposante Kloster Rinchen-Pung besuchten. Irgendwie hatte ich einen guten Draht zu den Menschen dort und durfte deshalb die Mönche sogar  bei ihren Gebeten und der Meditation filmen, was in den heiligen Mauern sonst nicht erlaubt war. Ich bestaunte die Küche mit Ihren riesigen Kochkesseln, die für 800 Mäuler gedacht war. In allen Klöstern wurde studiert,  gelehrt und es herrschte Respekt und Ordnung wie eine sehr ehrfürchtige Stimmung.

 

Mit dem Auto fuhren wir bis Drukgyel Dzong weiter, einer riesigen Burgfestung wo die Strasse endete. Hier fand gerade ein Pfeil- und Bogen- Wettkampf statt, der Nationalsport in Bhutan. Teilweise wurden Wettkampfbögen verwendet, die an die 2000 Dollar kosteten.

 

Aus dem Auto stiegen wir nun um auf unsere hier wartenden Pferde.

 

Auf schmalen Pfad, mit  Blick auf den imposanten Jomolhari, 7320 m, dem Jitchu Drake 6794 m und dem Tserim Kang, 6535 m, ritten wir nordwärts. In einem Tagestrip erreichten wir  Jangolhang.  Der hier lebenden Nomadenstamm der Layas, hatte einen total mongolischen Einschlag. Übernacht blieben wir in einem Ihrer Zelte und ich aß zum ersten mal in meinem Leben „Yakkäse, Yakschinken mit Fladenbrot und trank Buttertee“ dazu. In der Nacht sank das Thermometer auf unter Null Grad und am Morgen war die Natur mit Raureif überzuckert. Leider mussten wir wieder zurück, denn mein Besuch im Drachenland war nur kurz bemessen.

 

Auf unserem Rückweg entdeckten wir eine Gruppe Golden- Trakin, das seltene Nationaltier von Bhutan. Übernacht blieben wir  am Fuße des Taktsangklosters, auch Tigernest genannt.

 

Am nächsten Morgen machten wir uns noch an den Aufstieg zum Kloster, welches hoch über uns, wie ein Adlernest, in den Felsen klebte. Da der Aufstieg so steil war, gingen Dorji der Pferdeguide und ich zu Fuß, denn die Last wollte ich den Pferden nicht antun.

 

Beim Teehaus das unterhalb dem Kloster liegt,  blieben dann alle zurück, denn der Besuch des Klosters war nur mit Sondergenehmigung erlaubt. Bald wurde ich von einem Polizeiposten aufgehalten und nach meinem Permit gefragt, das ich aber nicht hatte. Als ich ihm aber erzählte, dass ich als Germany käme und in Thimphu für das UN Department arbeite, hatte ich plötzlich  den freundlichsten Menschen vor mir stehen. Diesen Tipp, mich so auszuweisen gab mir mein Guide. 

 

Bereitwillig gab er den Weg zum Kloster frei und ich konnte vorbei an einem Wasserfall  und dem Meditationshaus, das über mir in der Felswand klebte. Wieder empfing mich eine Welt der Frömmigkeit mit inspirierender Ruhe. Wir stieg dann noch zu einem anderen Kloster auf, wo ich die seltene Nationalblume fotografieren konnte.

 

Beim Abstieg tummelten sich in den von Moosflechten überzogenen Bäumen, eine Herde Lemur-Affen über meinem Kopf. Das waren nur Äffchen im Kleinformat im Gegensatz zu dem Untier, das mir am Annapurna begegnete.

 

Am Abend logierte ich dann in der komfortablen Tigerlodge wo man mich wieder mit den delikatesten Speisen verwöhnte.

 

Gut gesättigt schlief ich die Nacht mit den Geräuschen prasselnder  Regentropfen ein, die an mein Fenster klopften. Schon um 5 Uhr am Morgen holte mich mein Guide ab und brachte mich zum Flughafen.

 

Zurück in Khatmandu empfing mich zu meiner Freude im Mt. Holiday mein Freund Günther, der es doch noch geschafft hatte, für 4 Wochen dem täglichen Alltagsstress zu entfliehen.

 

 

Das Dach der Welt

 

Günther und ich waren mit dem Bus unterwegs in Richtung chinesische Grenze. Die Landschaft wurde immer derber und die Schlucht in der wir fuhren, immer rauer. Die Felswände an den Seiten wurden höher, dass Vorankommen immer schwieriger. Die Landlawinen machten die Straßen zum Chaos. Am Nachmittag erreichte wir die Grenzstation Zhangmu. Hier mussten wir 2 Stunden bis zur Grenzüberschreitung warten. Nachdem wir etliche Fragebögen ausgefüllt hatten, wurde unsere Körpertemperatur mit einem Gerät im Ohr gemessen und mit einem anderen Gerät, welches auf die Stirn gepresst wurde, die körperliche Verfassung überprüft.

 

Nach dieser Tortur stiegen wir in einen Chinesenbus ein der uns zur Gepäckkontrolle brachte. Eine weitere Stunde dauerte es noch, bis unser Gepäck durchleuchtet war. Dann erst konnten wir uns in der Stadt Nyalam frei bewegen.

 

Am nächsten Morgen war unser Jeep mit Guide und Fahrer da und das Abenteuer Tibet konnte starten.

 

4000 Euro hatten wir für den 4 Wochentrip bezahlt. Nicht gerade wenig Geld! Wenn man aber bedenkt, dass man in Tibet nur in Gruppen reisen darf, hatten wir ja Glück, denn Gruppenreisen waren ein Groll für mich.

 

Unser Toyota- Landcruiser machte - obwohl älteren Baujahres - einen guten Eindruck und so konnten wir nur hoffen, dass Fahrer, Guide und Auto, dies für die nächsten 4 Wochen auch beibehielten.

 

Zwischen den Eisriesen Labujikang, 7367 Meter und dem einzigen Achttausender in Tibet, dem 8012 Meter hohen Shisha Pangma, ging es durch eines der tiefsten Täler der Welt, auf den 5200 m hohen Tongla Pass. Der Blick auf den gigantischen Shisha Pangma, die unzähligen Gebetsfahnen die im eisig pfeifenden Wind wehten und einige Nomaden mit ihren Yaks, setzten dem ersten Tibet-Impressum die Krone auf.

 

Kurz bevor wir Tingri erreichten standen die Bergriesen in einem unvergesslichen Abendlicht, der Cho Oyu, der Mount Everest, der Lhotse und der Makalu.

 

Am Morgen bahnten wir uns unseren Weg über Geröllfelder, Sanddünen und gefrorene Bäche, zum höchst gelegenen Kloster der Welt.

 

Durch das Tal des Rongpu Chu und über den Pang La Pass,  erreichten wir auf katastrophaler Piste dann das Kloster „Rongbuk“, 5200 m.

 

Nach einigen Pflichtfotos ging es  weiter zum Basiscamp des Chumulungma ( Muttergöttin der Welt ).

 

Ein unvergessliches Gefühl überkam uns, als wir im Angesicht des gewaltigsten Berges der Erde standen,  dem Mount Everest.

 

Wieder zurück in Tingri, startete am nächsten Morgen das Abenteuer „Wilder Westen Tibet“. Unser Wagen war, wie ich sehen konnte, gut präpariert. Auf dem Dach führten wir 100 Liter Diesel mit und 2 Reservereifen sowie Abschleppseile, Winde und sogar ein Federblatt. Da Fahrer und Guide schon etliche male den Weg zum Kailasch hinter sich gebracht hatten, gab uns das ein gutes Gefühl.

 

Immer wieder begegneten uns Nomaden auf ihren kleinen drahtigen Pferden. Nomadenfrauen in bunte Trachten gehüllt und mit ihrem selbst hergestellten typischen Schmuck behängt, setzten der weiten wüstenähnlichen und kargen Hochgebirgslandschaft einen Lichtblick auf.

 

Die Landschaft änderte sich täglich. Manchmal fuhren wir durch Gegenden mit nur Hohen Sanddünen, dann lagen wieder endlose und farbenkräftige Seen an der Strecke. Es ging über 5000 Meter hohe Pässe, durch Schluchten und Flussläufe. Unsere Augen kamen nie zur Ruhe. Allerdings wurde die Peinigung durch die fürchterlichen Pisten dadurch absolut in den Hintergrund gestellt. Einige male mussten wir in den schmutzigen Nomadenzelten übernachten, was sich allmählich auf unser Äußeres auswirkte. Wir glichen schon bald den verwahrlosten und dunklen Gestalten, den Berghirten.

 

An gewöhnte Hygiene und Pflege unseres Äußeren war nicht zu denke. Wasser war hier Mangelware, da die meisten Seen und Bäche zu gefroren waren.

 

Da die Luftfeuchtigkeit so gering war und wir nie ins Schwitzen kamen, konnten wir uns immer noch riechen. Wir waren Beide in einer so euphorischen Stimmung, dass uns nichts, aber auch gar nichts umhauen konnte.

 

Unseren Fahrer hatte ich mit mitgebrachten Plakaten meiner Dia-Shows davon überzeugt, dass das Fotografieren und Filmen für mich von größter Bedeutung sei. So musste der arme Kerl alle Augenblicke stoppen. Da gab es riesige Adler, Wildpferde, Rehe, Hirsche und Millionen von Erdhörnchen und riesige Herden von Yaks.

 

Zweit Tagesreisen vor dem heiligen Kailash übernachteten wir wieder in Nomadenzelten. Die strenge Kälte ließ uns dicht am Ofen sitzen, während im Hintergrund eine schwer erkrankte Frau wimmerte.

 

In dieser Nacht musste ich mir beim Verzehr von Yakkäse, Yakschinken, Momo und Buttertee, den Magen verdorben haben. Auf Bitten Ihres Mannes hin, ließ ich Ihr eine Packung Antibiotika da. Ich schluckte auch gleich eine Tablette, denn Vorsicht war besser als Nachsicht.

 

Die Fahrt zum Kailash wurde zur echten Tourtur. Obwohl schon zum x-ten mal entlehrt, musste ich bei jedem Schlagloch meinen Allerwertesten entlüften. Mein Immunsystem war doch nicht so intakt.

 

Der Tag war nicht gerade meiner, denn ich hing wie ein Sack voller nasser Lumpen auf dem Rücksitz herum. Als dann aber der heiligste Berg der Erde vor uns auftauchte, vergaß ich alles was mich plagte.

 

Majestätisch und alles Andere überragend, hatte er was Göttliches in seinem Aussehen. Ob Hindus, Buddhisten, Jain oder die Anhänger der alten Bön-Religion, für alle ist er das Pilgerziel ihrer Träume. Wenn man die gemeinsame Toleranz dieser Religionen betrachtete, sollten sich die Intoleranz anderer  Religionen ein Beispiel daran nehmen.

 

Sein ständig weißbedeckter Gipfel, mit einer Höhe von 6714 Meter, wurde noch nie bestiegen und die Tibeter nennen ihn Kang Rinpoche („Juwel des Schnees“). Durch seine Pyramidenform mit seinen 4 Seiten, die exakt nach allen Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, hat er seit Lebzeiten die Phantasie der Menschen angeregt.

 

Wenn man bedenkt, dass 4 der bedeutendsten Flüsse Asiens, direkt am Kailash entspringen, kann man nicht verdenken, dass die Tibeter den mythischen Berg für das Zentrum des Kosmos halten.

 

Der Guru Padmasambhava  und Milarepa pilgerten viele Jahre zu diesem Heiligtum.

 

Alle Hindus sehen den Kailash als Sitz von Gott Shiva und seiner Gemahlin Parvati.

 

Erst seit 1985 ist es Ausländern erlaubt, um den heiligen Berg zu reisen. Wenige Touristen nehmen den langen und staubigen Anfahrtsweg in Kauf, um zum Kailash zu kommen. Nur eine Handvoll sind der Anstrengung gewachsen und machen die Parikrama, ( in nepalesisch Kora,) die Umrundung.

 

Als hätte der Anblick des Berges eine heilende Wirkung auf mich, musste ich die Hose nicht mehr fallen lassen.

 

In Darchen ( 4600 Meter ) dem Ausgangspunkt der Kora entschieden wir uns, nicht wie geplant, auf dem Rücken von Yaks, sondern den Berg zu Fuß zu umrunden.

 

Nach kalter, aber sternenklarer Nacht ( 15 Grad minus ) machten wir uns mit aufgehender Sonne an die Bewältigung der Kora. Meine Beschwerden hatten sich zwischenzeitlich gebessert, trotzdem fühlte ich mich noch sehr schwach.

 

Etwa 53 km lagen vor uns, ich hatte kein gutes Gefühl in mir.

 

Am Chökku-Gompa fühlte ich mich immer noch nicht viel besser. In meinem Kopf hatte sich das Ziel aber fest verwurzelt, also wollte ich auch nicht Schwächeln und den Trip durchziehen.

 

Als wir am Spätnachmittag Drira Puk erreichten, war ich dann am Ende meiner Kräfte. Die gegessene Hühnersuppe blieb nicht wo sie war. Dann stellt sich der Durchfall wieder ein und die kommende Nacht sollte zum Martyrium  werden. Diese Nacht fror ich besonders, es hatte ja auch -25°C und ich saß wegen meiner Krankheit mehr im Freien, als in meinem Bett.

 

Um 5 Uhr hatte die Nacht ein Ende. Günther war besorgt um mich und  fragte mich, ob wir  zurück gehen sollten. Obwohl ich wusste, das mein Zustand in dieser Höhe lebensgefährliche Ausmaße annehmen konnte, sagte ich nein. Mit Sicherheit war zu meinem geschwächten Körper die Höhenkrankheit dazugekommen und die hatte schon viele Leben gefordert.  Lungen- oder Gehirnödeme konnten sich ohne Vorwarnung einstellen.

 

Langsam schleppte ich mich in Richtung Pass, immer im Windschatten von Günther. Ich spürte die grausame Kälte nicht mehr, mein Körper war wie taub. Wenn ich auf dem Berg bleiben wollte, musste mir das in diesem Moment egal sein.

 

Günther war sehr hilfsbereit und zog mich vom Boden hoch, wenn mich meine Kräfte verließen und ich nicht mehr auf die Beine kam. 

 

Irgend wann, ich weiß nicht wie, waren wir dann auf dem Dölma La Pass. Pfeifend und nach Luft ringend, lag ich zwischen Gebetsfahnen und dachte mir, jetzt stirbst. 2 mal war ich schon auf 6000 Meter und habe mich dabei pudelwohl gefühlt, doch der Kailash hatte mich geschafft.

 

Langsam beruhigte sich mein Kreislauf und ich betrachtete zum ersten mal meine Umgebung. Von einem riesigen Felsblock aus, der auf dem Bergsattel lag, spannten sich tausende Gebetsfahnen. Der Block war vollgeschmiert mit Butter, in die ausgerissene Haarbüschel und menschliche Zähne gedrückt waren. Neben diesen menschlichen Gaben, sahen wir Berge an Kleidungsstücken, Yakhörner und ganze Schulterblätter von Schafen. Unheimlich diese Hingabe und Gläubigkeit, die diese Menschen zu allem bewegt. Wir konnten diesen Anblick nicht sofort verarbeiten.

 

Beim Abstieg kamen uns Bönpilger entgegen ( sie gehen gegen den Uhrzeigersinn ) und bergab kamen dann auch meine Lebensgeister wieder zurück.  

 

Als wir dann eine Pilgerin trafen, die 25 Tage lang auf dem Bauch um den Kailash rutschte, strömte in meinen Körper ungeahnte Kraft.

 

Statt der geplanten 3 Tagesumrundung machten wir dann die Kora in 2 Tagen. Danach war mir nicht klar, war es Dummheit so schnell vorzugehen, oder konnte ich stolz auf mich sein. Aber eines hatte sich mal wieder bestätigt, der Weg ist das Ziel!             

 

Am nächsten Morgen trauten wir unseren Augen nicht. Eine geschlossene 30 cm Schneedecke blendete unsere Augen. Wäre dies bei unserer Kora passiert, wäre sie mit Sicherheit daran gescheitert.

 

Das Königreich Guge konnten wir somit auch streichen. Der Weg nach Tsade führte durch gefährliche Steilkurven, die 1000 Meter abwärts führten. Unter diesen Verhältnissen war es niemals möglich dort hin zu kommen. 

 

Kurzentschlossen fuhren wir zum heiligen Manasarover-See. Obwohl alle Gewässer zu gefroren war, zeigte der See keinerlei Eisbildung. Wie alle Pilger wuschen auch wir uns die Augen aus und tranken von dem herrlich blauen Wasser.

 

Wir besuchten das Kloster Trugo und Gösul Gompa und Chiu Gompa. Ein überwältigender Blick bot sich hier unseren Augen. Im Süden das gewaltige Bergmassiv Gurla Mandata, unter uns im weißen Schneefeld der türkisblaue Manasarova-See und im Norden der majestetische Kailash. Hier in einer kleinen Höhle soll Padmasambhava meditiert haben und im heiligen See soll ein Teil der Asche von Mahatma Ghandi schwimmen. 

 

Mit großem Interesse besuchten wir am nächsten Tag unsere Nomadenfamilie, denn wir mussten wissen, wie es unserer schwer kranken Frau ging. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir im Bett eine freudig strahlende, aber noch schwache Nomadin sitzen sahen. Meine Medizin und die letzten 5 Tage ließen sie  genesen. Aus Dankbarkeit über die heilende Medizin, schenkte sie uns 4 wunderschöne Schneeleopardenfelle.

 

Weiter ging die Fahrt über zum Teil nicht erkennbaren Schotterstrassen, Sanddünen und durch vereiste Bäche. Manchmal knallten wir mit dem Kopf ans Autodach und wir waren verwundert, was unsere Kiste so aushielt. Es blieb nicht aus, dass unser treuer Untersatz so einige male streikte.  Reifenwechsel, verdreckter Vergaser und sogar ein Federblatt musste gewechselt werden.

 

Die nächsten 2 Wochen widmeten wir uns der tibetanischen Kultur. Stupas, Chorten, Manimauern,  faszinierende Klöster, Mönche, und unglaublich gläubige Pilger, veränderten unser Weltbild. Ob es Tashilunpo in Shigatse, oder das Palkhor-Kloster in Gyantse, Kloster Mindroling, Labrang, Ganden, Meru, oder Kloster Drepung, alle hatten seine eigene Geschichte und Faszination. Pilger wurden mit Bussen und LKW angefahren und alle brachten, obwohl arm, einen Packen Geld mit. Mit Andacht, Hingabe und innerem Seelenfrieden, spendeten sie Butterlampen und Geld. Vorbei am 7191 hohen Nojin Gangsang und über den Kampala-Pass, kamen wir zum herrlichen Tso-Lake. Zum ersten mal nach ca. 3 Wochen kamen wir  auf eine annehmbare Teerstrasse. Die teilweise unmenschliche Fahrerei hatte spontan ein Ende. 

 

Vorbei an einer riesigen Buddha-Skulptur, die in eine Felswand geschlagen wurde, erreichten wir Lhasa. Zwei Tage waren wir hier ständig mit unseren Kameras auf Achse. Andächtig bestaunten wir den vor Reichtum strotzenden, bombastischen Potala. Ein Symbol der Macht. Eine Menge von Andächtigen zwängte sich durch Säle, Gänge und Tempel. Am beeindruckendsten aber war der Jokhang, das Haus des Herrn. Der Jokhang ist der verehrteste Tempel von ganz Tibet und ist das größte Pilgermagnet der Welt. Auf dem Parkhor ( Ringstrasse um den Tempel ), pilgern täglich tausende Gläubige, mit ihren Gebetsmühlen.  Ständig murmeln Ihre Lippen die magischen Worte „Om mani padme hum“.

 

 Am Abend, wenn die Massen der Pilger nachließen, kamen dann die extrem Gläubigen. Sie maßen den Weg um den Tempel mit Ihrer Körperlänge ab. Mit Lederschürzen und Handschuhen bestückt, warfen sie sich auf die Erde, legten die gefalteten Hände zur Stirn und gingen nach dem Erheben 2 Schritte weiter. 

 

Am vorletzten Tag unseres Trips machten wir uns noch auf den Weg ins Kloster Samye, eines der ältesten Klöster Tibets. Der Dalai Lama Sommerpalast bildete dann den Abschluss in Lhasa.

 

Am Abend besuchten wir eine Folklore-Tanzgruppe und gingen danach noch in eine Disco. Überrascht waren wir von der Freundlichkeit der Chinesen, die uns von allen Seiten versuchten, mit Bier zu ertränken. Mit der Verständigung haperte es allerdings, denn keiner sprach ein Wort Englisch. Englisch zu lernen, oder im Internet zu surfen, wird vom Staat strengstens verboten. Die Menschen suchen den Kontakt zur westlichen Welt, das aber wird noch immer mit allen Mitteln verhindert.

 

Aus diesem Grund sind Individualreisen nicht gestattet, denn der Einzelreisende sucht doch Kontakt  zur Bevölkerung. Als wir zu Folklore und Disco gingen, hatten wir 2 Mädchen vom Hotel dabei, aber nur 2 Stunden, dann wurden sie freundlichst entfernt.

 

Am 9.11  war dann unser Lhasa-Abreisetag, aus dem aber nichts werden sollte. Heftige Stürme verhinderten den Start und so wurden wir für eine Nacht in ein 5 Sterne-Hotel verfrachtet. Am nächsten Tag aber klappte es. Der Flug vorbei am Mt. Everest, Lotse und Makalu war bei herrlichen Sonnenschein, dann der krönende Abschluss  meiner dreimonatigen Reise.

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